Sarah Köhler – Mit einer Weltmeisterin und-rekordlerin im ganz persönlichen Gespräch

Zoom Sitzung mit S. Köhler Foto: S. Sheth

Es war das zweite Gespräch, das die HSV-Landestrainerin Shila Sheth in einer Videokonferenz organisiert hatte. Sarah Köhler von der SG Frankfurt stand den Kadersportlern für Fragen offen – aber auch solchen Personen, die Interesse an dieser HSV-Aktion hatten. Fünfundsiebzig Minuten durften die Teilnehmer eine Person kennenlernen, deren Alltag mit Zuversicht, Selbstvertrauen, ja, sich durch große Klarheit in ihrem Handeln auszeichnet. Der Blick hinter Sarah´s Kulisse war spannend, einige Lebensweisheiten leiten ihren Weg. Dieser war immer gekennzeichnet durch ihre eigenen ganz persönlichen Entscheidungen, da wo Außenstehende zögerlich und eher negierend vorsichtig Ratschläge erteilt haben, genau dort hat Sarah immer ihren eigenen und ganz persönlichen Weg gepflastert. Viele Aussagen in der Interviewrunde sind ein Zeugnis dafür. Es ist wundervoll, wenn ein Mensch schon in dem Alter so viele positive und richtige Entscheidungen für sich treffen konnte. Mut und Selbstvertrauen sind für Sarah zwei überaus freundliche Wegbegleiter.

S. Köhler Foto: J. Kleindl

2003 begann alles in ihrem Wohnort in Bruchköbel – bei der DLRG. Nur kurz war der Aufenthalt im Tischtennis und bald folgte das Schwimmen im Verein. Es gab keinen AHA-Moment/Effekt – der Einstieg in immer höhere sportlich Sphären war ein Prozess über einen langen Zeitraum hinweg. Längere Strecken zu schwimmen, das war von Anbeginn an ihr besonderes Anliegen. Mit dem Wechsel 2005 zur SG Frankfurt begann auch bald der Einstieg in die zeitaufwendige Sportart Schwimmen. 2006 erfolgte der Schulwechsel zur Carl-von-Weinberg-Schule in Frankfurt nahe dem Landessportbund. Morgens 90 Minuten Anreise nach Frankfurt, Frühtraining, Schule, Abendtraining, 90 Minuten Rückreise oder Abholung durch den Vater. Sarah hat sich so früh an die harte Schule des Hochleistungssport Schwimmen gewöhnt. Ein hohes Maß an Disziplin war die Voraussetzung. Mit der Entwicklung ihrer Leistung und einem Füllhorn an Selbstbewusstsein ausgestattet wechselte Sarah 2011 in das Internat nach Heidelberg, wo sie unter Michael Spikermann bedeutende Leistungsfortschritte erzielen konnte. Ein Fortschritt war auch das Abitur und der Beginn des Jurastudiums – fast fertig ist sie damit. Geplant ist 2022 das erste Staatsexamen. Der letzte Wechsel hat Sarah nach Magdeburg geführt. Sie betont jedoch, dass zwei Punkte ausschlaggebend für Frankfurt waren und sind. Frankfurt ist ihre Heimat und sie genießt dort ein hohes Maß an Loyalität.
Der erste große Erfolg war 2009 die erste Teilnahme an den JEM. Es bedurfte vieler Trainingseinheiten und einer harten Schinderei bis sie sich schließlich als Weltmeisterin fühlen durfte. „Bei einer WM zu starten, das ist einfach cool“. Alle kleinen Schritte auf der Leistungs- und Erfolgsskala waren letztlich bedeutende Schritte zu ausgeprägtem Selbstbewusstsein und klaren Handlungen für einen besonders großen Erfolg in Tokyo.
Kleine Tattoos drücken Sarahs besondere Vorhaben aus. `Every day I see my dream´, ein Kompass – er gibt die Richtung an, eine Pfauenfeder, `Jeder ist seines Glückes eigener Schmied´. Aber, jetzt ist Schluss bis zu den OS mit Tattoos – Verbot vom Trainer – die Gefahr von Entzündungen lässt sich nicht leugnen.
Corona
Zu Beginn der Corona-Zeit haben die Magdeburger noch im Höhentrainingslager in Spanien in der Sierra Nevada geweilt. Als es brenzlig wurde ging es frühzeitig mit einem Privatjet zurück nach Deutschland, just in time.
Der Einfluss der Verschiebung der OS war besonders mental ausgesprochen schwierig. Kojak, der kleine Hund war eine besondere Unterstützung. Der Fokus vor der Verschiebung lag bei 110%, es folgte die Suche nach immer neuen Grashalmen. Die Trainingshäufigkeit liegt derzeit bei 10 – 12 TE pro Woche. (mit 12 Jahren waren es übrigens auch schon 9 TE).
Auf die Hilfe von Psychologen habe sie zu dieser Zeit verzichtet – eigene Hilfe, eigene Maßnahmen, eigene Erfahrungen, sich selbst ausprobieren, die Konkurrenz entspannt beobachten.
Meine Technik
Wir haben in den vielen Trainingsjahren die Technik wirkungsvoll verändert. Früher waren es eher gestreckte Armbewegungen – heute sind es mehr gebeugte. Mit dem Fokus auf lange Strecken, war eine solche Änderung zwangsläufig. Ziel der Bewegungen war es, mit wenig Aufwand schnell zu schwimmen (Anm.: Unfassbar schwer).
Auch die Wenden sind fester Bestandteil des Trainings. Ziel ist die schnellere Rotation.
Mein Training 
Zu jeder Belastung gehört eine ausreichende Regeneration mit viel Schlaf, Physio, vernünftiges Essen. Nahrungsergänzungsmittel werden nur im Höhentrainingslager in Form von Proteinen genommen, um die Muskulatur ob der geringen Trainingsintensität zu erhalten.
Lieblingsserien 6 x 1500m, 30 x 200m
Jahreskilometer Heidelberg ca. 2600 km
Magdeburg ca. 3500 km
Grundschnelligkeit 20 x 200 (150 + 50)
Höhentrainingslager seit 2010 ca. 20x. Warum? Bessere Anreicherung mit roten Blutkörperchen. Sinnvoll oder nicht? Die Antwort ist individuell.
Frage: „Wie überlebt man die Höhe psychisch?“
Antw.: „Nicht zu intensiv trainieren“. 3 – 5 Einheiten mit hoher Intensität in 3 – 4 Wochen.
Positiv an der Höhe – man muss sich anders als daheim um nichts kümmern!!

Mein Wettkampf
Frage: „Wie bereitest Du Dich auf den Wettkampf vor?“
Antw.:„Ich mache mir immer einen Zeitplan – ich schreibe mir den zeitlichen Ablauf einen Tag vor dem Wettkampf auf. Warum? Ich habe es aus dem Kopf und kann gelassener agieren.
Meine mentale Hilfe rekrutiert sich aus meiner Routine, sie ist mein Anhaltspunkt für den Wettkampftag.“
„Das Einschwimmen ergibt sich aus der Wettkampfstrecke und dem Gefühl am Wettkampftag.
Frage: „Unterschied zwischen Langstrecke im Becken und im Freiwasser?“
Antw.: „Im Becken ist entscheidend wie ich trainiert habe.
Im Freiwasser geht es zusätzlich auch darum, sich im Vollkontakt zu behaupten“.
Frage: „Wie geht es nach den OS weiter?“
Antw.: „Für 2024 ist das Freiwasserschwimmen nicht ausgeschlossen.“
Frage: „Welche Bedeutung haben Wettkämpfe für Dich?“
Antw.: „Wettkämpfe sind wichtige Motivationshilfen, sie sind hilfreich besonders für kurzfristige Ziele.“

Meine Motivation
„Wie gehst Du mit Niederlagen um?“
„Nicht sehr freundlich, im ersten Moment ist es nicht so einfach.“
„Wie würdest Du Dich fühlen, wenn Du in Tokyo Ledecky schlagen würdest?“
· “Unfassbar gut“, doch da gibt es nicht nur Ledecky“.

Wertvolle Tipps für junge Sportler
· Selbst nachdenken was man da macht
· Dranbleiben lohnt sich
· Wenn Schwimmen nicht mehr alles ist, dann eine neue Herausforderung suchen.

Von: Dr. Werner Freitag – Ehrenpräsident des Hessischen Schwimm-Verbandes e.V.