Ein Trainingslager unter sehr besonderen Voraussetzungen und Bedingungen
-Auch ein Blick über den Tellerrand –

HSV Team Foto: privat

Kaum hat das neue Jahr begonnen, starten Hessens TOP-Schwimmer mit einem Trainingslager auf Fuerteventura in das Jahr der Olympischen Spiele in Tokyo. Für einen Teil wird es der Höhepunkt im sportlichen Leben sein, für die andere Aktiven ist es der hoffnungsvolle Aufbruch in einen neuen olympischen Zyklus. Für die Trainer bedeutet solch eine Maßnahme Anforderung und Beanspruchung weit über das Normalmaß hinaus. Für die meisten ist solch eine Situation erstmalig. Das Trainingslager mit der besonderen Verantwortung – so darf man es am besten beschreiben. Es geht um Normen für die Teilnahme an den Olympischen Spielen, ein ganz besonderer Abschnitt im Leben aller Beteiligten. Ein Trainingslager von spezieller und von periodisch herausragender Bedeutung. Warum? Nur alle vier Jahre findet das bedeutsamste Sportfest der Welt statt. Und das hat eben kurz- und langfristige Einflüsse auf viele zu treffende Entscheidungen. Immer dann, wenn diese Spiele vor der Haustür stehen, die beteiligten Akteure – Schwimmer wie Trainer – unter besonderer Anspannung stehen, dann entwickeln sich aus vornehmlichen Gruppenentscheidungen, spezielle Programm für die einzelnen Sportler. Aus Gruppentrainingsplänen werden individuelle Lösungen, die es zu steuern gilt. Es sind dann nicht mehr die zwei oder drei Trainingspläne für z.B. Kurz-, Mittel- und Langstreckler, es sind dann wie in diesem Trainingslager ständig sechs Trainingspläne mit teils innerer Differenzierung. Es sind eine Vielzahl von Spezifitäten, die rundherum die Absicherung der Leistung der potentiellen Olympiakandidaten sicherstellen sollen. Das “Hin- und Herschwimmen“ macht aber nur einen Teil des Tagesprogramms aus.

Zu den Teilnehmern:

Mit Reva Foos (SG Frankfurt), Anna Elendt (DSW Darmstadt), Marco Koch (SG Frankfurt), Jan-Phillip Glania (SG Frankfurt), Niklas Frach (SV Gelnhausen) und unserem Gast aus Gladbeck Jessica Steiger, der mehrfachen Deutschen Meisterin und Deutschen Rekordhalterin über 200 m Brust, aber auch herausragenden Freistilschwimmerin, sind gleich sechs Aktive dabei, denen der Sprung nach Tokyo zuzutrauen ist – wir drücken jedenfalls die Daumen.

Die weiteren Leistungsträger unseres Verbandes in diesem Trainingslager kommen aus Fulda (Casian Zakota), aus Frankfurt (Richard Braunberger, Oliver Klemet, Jan-Christoph Düppe, Rianne Rose, Sebastian Pierre-Louis),  und aus Wiesbaden (Jon Kantzenbach).

Für sie ist es aber nur eines von mehreren Trainingslagern, dass der Verband anbieten kann.

Gut, dass der Hessische Schwimm-Verband in seinen langfristig angelegten und organisierten Unterstützungsprogrammen zusammen mit der Sportstiftung Hessen, dem Landessportbund Hessen, dem Innenministerium und dem Kultusministerium die notwendige Unterstützung für die Sportler anbieten kann.

Da gibt es noch die reichhaltigen Leistungen durch Friederike Hardinghaus, der Sportphysiotherapeutin aus Stuttgart. Sie ist eine in diesen Beanspruchungszonen unerlässliche Begleiterin des Trainings, ob vor oder nach dem Training, ob morgens oder abends, sie ist ebenso wie die Trainer ständig gefordert. Nicht irgendeine Physiotherapeutin wurde von unserer Landestrainerin an Land gezogen – Friederike stammt aus dem Schwimmerlager und war 2002 Deutsche Meisterin über 5 km im Freiwasser. Sie ist zudem auch fest im DSV vielfältig eingespannt.

Mit Anna Elendt und Richard Braunberger von der Carl-von-Weinbergschule in Frankfurt stehen zwei Teilnehmer kurz vor dem Abitur. Andere Sportler müssen schulisch dringend auf dem Laufenden bleiben. Mit Volker Kemmerer, Lehrer an der Carl-von-Weinberg-Schule (CvWS), stand den Schülern ein hoch kompetenter Lehrer zur Verfügung. Abends kurz vor acht und nach dem Abendessen erfolgte die spezielle geistige Schulung. Aber nicht nur abends erfolgte sein Einsatz, er stand den Sportlern den ganzen Tag für Gespräche zur Verfügung. Die heutigen Anforderungen im Hochleistungssport sind so bedeutend, dass man grundsätzlich auf solch qualifizierte Kräfte, die zudem noch erfolgreich in der Vereinsarbeit (Hofheim) tätig sind, nicht verzichten kann. Die Zugehörigkeit zum Lehrkörper der CvWS sichert die Unterstützung durch die Schule.

All diese umfangreichen Arbeiten können nur in einem perfekt funktionierenden Team, in dem jeder seine Kapazität ohne Einschränkung und mit größtem Einsatz zur Verfügung stellt, bewältigt werden.

Der HSV kann sich natürlich mehr als glücklich schätzen, mit Shila Sheth eine Landestrainerin in ihren Reihen zu haben, deren weit vorausschauende Arbeit auf dem Hintergrund auch ihrer internationalen Tätigkeit in der LEN (Europäischer Schwimmverband) für Verband und Sportler von unschätzbarem Wert ist. Aber wie jede Arbeit, so ist jede Leistung immer auch eine von einem Kollektiv – und das leistet hier besonderes. Dieses Kollektiv ist von der Landestrainerin verantwortungsvoll zusammengestellt worden.

Mit Michael Ulmer, ehemals Trainer der SG Frankfurt und deren heutiger Sportdirektor, kamen die Sportler in den Genuss langer kompetenter Erfahrung. Eine Vielzahl an Teilnehmer an Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften stammen aus Michaels Hand. Der langjährige Einsatz und die unschätzbare Erfahrung sind für den HSV in den Trainingsmaßnahmen mit besonderer Anforderung immer höchst wertvoll. Erfahrung bleibt unbezahlbar!

Die hohe Trainingshäufigkeit im Schwimmen, die Sicherstellung der körperlichen Fitness, die unerträglich langen Wettkämpfe, die wachsende Individualität, die hohen Begleiterscheinungen auf dem Hintergrund der `Duale Karriere´, die steigenden Kosten für Trainingslager usw., all dieses sind für Beanspruchung und Belastung schwer zu leistende Anforderungen. Der jahrelange Einsatz des HSV in verschiedenen Gremien des LSBH für eine höhere und gerechtere Finanzierung der Landestrainer hat zu mindestens vor kurzer Zeit einen ersten Erfolg erzielt. Die Zeit, in der wir Ehrenamtler glauben alles leisten zu können, ist ein Blick in die Sportgeschichte. Das, was Trainer im heutigen Hochleistungssport zu leisten haben, übersteigt oftmals die Grenze des Verantwortbaren und ist nur durch mehr Hauptamt oder durch mehr qualifizierte und emotionale Unterstützung durch das Ehrenamt zu bewältigen.

Der HSV kann sich froh schätzen, dass es ihm gelungen ist, in jahrelanger Arbeit auf sportpolitischer Ebene erträgliche finanzielle Rahmenbedingungen für unsere Sportler zu schaffen. Wenn derzeit acht Sportler aus unserem Bundesland eine Chance auf die Olympischen Spiele haben, dann spiegelt sich die Position des HSV im Punkteranking der Verbände und damit in der Mittelverteilung des Hessischen Ministeriums des Innern und für Sport sowie Landessportbund Hessen wieder. Drücken wir die Daumen, dass möglichst viele der Kandidaten die Qualifikation schaffen. Es bleibt auch für die noch kommenden Olympischen Spiele die Hoffnung auf Erhalt der Leistungsfähigkeit des Verbandes, um solche Trainingslager wie dieses hier auf Fuerteventura in hohem Maße finanzieren zu können. Im Laufe eines Jahres bleibt für die Eltern immer noch viel an Hilfe übrig.

Natürlich kommt immer wieder die Frage auf: „Warum auf die Kanaren? Warum nicht in Deutschland?“. Es gibt für den Hochleistungssport in Deutschland keine wirklich vergleichbaren Bedingungen, um in einer kalten und nassen Jahreszeit gleiche Effekte wie in der Sonne und Wärme von Fuerteventura erreichen zu können. Das Training im Freibad unter wärmender Sonne ist eben besonders motivierend. Viel häufiger müssten solche Maßnahmen durchgeführt werden.

Auch wenn nach den neuen Spielregeln des Leistungssports die Bundesländer für den Nachwuchsleistungssport zuständig sind, so sind sie es aber auch für den Hochleistungssport. Aus vor einigen Jahren fast Zwangszuordnungen zu Bundesstützpunkten, haben sich heute offenere Systeme entwickelt. Der Sportler darf über sein Wohl und Weh entscheiden. Ein Blick in das neue Leistungssportkonzept des Landes Hessen zeigt für unser Land, nicht nur für den Hochleistungssport, herausragend und eindeutig auch die Verantwortung.

VON: DR. WERNER FREITAG – HSV-EHRENPRÄSIDENT