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Schwimmbäder in Hessen

Mittwoch, 05.10.2016

Schulschwimmen oder nicht?

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe und ihr Inhalt war nicht ohne Brisanz. Nach der Veröffentlichung wurden mehrere Tage lang zunächst in den sozialen Medien und am Ende auch im Landesparlament Argumente zum Anfängerschwimmen und den notwendigen Voraussetzungen ausgetauscht. Begonnen hatte es mit einer mehrteiligen Berichterstattung der Hessenschau Anfang September, in dem das Regionalmagazin des HR Fernsehens u.a. darauf hingewiesen hatte, dass seit dem Jahr 2000 vierundvierzig Schwimmbäder in Hessen geschlossen worden seien und in 15 Gemeinden mittlerweile des Landes gar kein Schulschwimmen mehr stattfinden könne. Unbenannt blieb die Zahl der Schulen, an denen der eigentlich vorgesehene Unterricht aus anderen Gründen ausfällt. Neben Skandalrufen und den berechtigten Forderungen nach einer besseren Versorgung der Schulen mit Wasserflächen verwiesen einige Autoren in den Interforen und die Politiker der Regierungsfraktionen in der Plenarsitzung auch auf die vermeintliche Verpflichtung der Eltern hin, ihren Kindern die Kulturtechnik des Schwimmens selber zu vermitteln. Dies kann nicht unwidersprochen bleiben.  

Schwimmen als Schulauftrag
Das Hessische Kultusministerium hat im verbindlichen Kerncurriculum für den Sportunterricht an Grundschulen, dass seit dem Schuljahr 2011/2012 gültig ist, festgelegt, dass die Mädchen und Jungen bis zum Ende des vierten Schuljahres in der Lage sein sollen, eine Schwimmstrecke von 50 Meter zu bewältigen und mit einen Fußsprung ins Wasser gelangen können sollten. Dazu ist durch den Sportunterricht die Wassergewöhnung zu gewährleisten und soll eine Orientierung im Wasser geübt werden. Unbenannt bleibt die Zahl der dafür erforderlichen bzw. einzuplanenden Lerneinheiten. Diese müssen die Schulen bzw. ihre Sportlehrkräfte unter Abwägung der allgemeinen Voraussetzungen ihrer Schüler festlegen. Sinkende allgemeine motorische Fähigkeiten der Grundschüler_innen lassen aber befürchten, dass die Anzahl der notwendigen Übungsstunden im Bewegungsraum Wasser höher liegen muss, als noch vor wenigen Jahren. Die Anforderung an die vom Schüler zu erbringenden Leistungen sind aus Sicht des Hessischen Schwimm-Verbandes nicht wirklich hoch, ist für die meisten Fachkräfte ein sicheres Schwimmen doch frühestens mit dem Ablegen des Jugendschwimmscheins in Bronze gewährleistet, für das die vierfache Strecke, nämlich 200 Meter zu absolvieren sind. Entsprechende Festlegungen hat übrigens auch die Kommission Sport der Ständigen Konferenz der Kultusminister in ihrem bisher noch unveröffentlichten Papier zum Schwimmunterricht getroffen. Das Kerncurriculum müsste also in der näheren Zukunft überprüft und ggf. angepasst werden.  

Ausreichende Zahl der Bäder
In Anbetracht der Tatsache, dass nicht an allen Orten Bäder für den Schwimmunterricht zur Verfügung stehen (vgl. Bericht der Hessenschau), ermöglicht das Kerncurriculum des HKM sogar, dass an Schulstandorten, an denen der verantwortliche Schulträger kein Schwimmbad zur Verfügung stellen kann, im Einvernehmen mit dem zuständigen Staatlichen Schulamt der Schwimmunterricht sogar ausfallen kann. Dies ist dann der Persilschein für die Schulträger zum Bäder schließen! Wenn in 15 Gemeinden schon heute nach Angaben des HR kein Schwimmunterricht erteilt werden kann, sollte dies als Beweis ausreichen, dass hessenweit nicht ausreichend Bäder zur Verfügung stehen. Wie der Hessische Rundfunk weiter berichtete, sind von den 44 in den letzten 15 Jahren geschlossenen Bädern nur etwa 20 ersetzt worden. Zu hinterfragen ist, wie und wo der jeweilige Ersatz konkret realisiert worden ist. Praktizierte Standortkonzentrationen führen oft zu längeren Fahrzeiten und damit zu kürzeren Übungs- und Bewegungszeiten im Wasser. Insbesondere flächenmäßig große Landkreise mit einer geringen Bevölkerungsdichte benötigen in diesen Sachverhalten ausgeklügelte Konstrukte, um eine flächendeckende Versorgung mit Schwimmbädern zu gewährleisten. Fahrwege über 30 Kilometer sind ebenso wenig hinnehmbar wie Übungszeiten unter 30 Minuten pro Sportstunde. Die kommunale Selbstverwaltung und die Verpflichtung zur kommunalen Daseinsvorsorge kreisangehöriger Gemeinden stoßen dabei sicherlich an ihre finanziellen Grenzen und benötigen ggf. zusätzliche Unterstützung durch das Land. Vorrangig kann die Gründung von Zweckverbänden eine Lösung für gemeindeübergreifend betriebenen Schwimmbädern darstellen. Dies ist jedoch keine Lösung für kreisfreie Städte wie Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden oder Kassel. Für sie müssen andere, eher dezentrale Alternativen gefunden werden, um möglichst vielen Schulen eine kurze Anfahrt zum Schwimmunterricht zu ermöglichen. Auch hier ist eine Konzentration von mehreren Schwimmbecken an einem Standort unter Ausbildungsgesichtspunkten nicht zielführend.  

Mangelnde Manpower
Jedoch sind fehlende Schwimmbäder nur ein Mosaikstein im fragilen Konstrukt des hessischen Schulschwimmunterrichts. Die fehlende "Manpower" in Form von qualifizierten Sportlehrkräften ist ein weiterer Kritikpunkt. Hier hat der Hessische Schwimm-Verband e.V. bereits vor einigen Jahren die Initiative ergriffen und bildet gemeinsam mit der Zentralen Fortbildungsstätte für Sportlehrkräfte Grundschulpädagogen, die ohne eine Lehramtsqualifikation für das Fach Sport den Schwimmunterricht übernehmen (sollen) in einem knapp 40stündigen Lehrgang fort. Die Zusammenarbeit zwischen dem Bildungsinstitut des Landes und dem Verband ist erst in diesen Tagen mit einem formalen Kooperationsvertrag nochmals untermauert worden. Darüber hinaus bleibt die Forderung bestehen, dass Sportlehrkräfte ihr Sportstudium nicht erfolgreich abschließen dürfen, wenn sie nicht die notwendigen Lehrinhalte für einen zeitgemäßen und altersgerechten Schwimmsportunterricht erworben haben. Dazu bleibt das Hessische Wissenschaftsministerium in der Verpflichtung die Prüfungsordnungen der Universitäten auf mögliche Schlupflöcher zu überprüfen und zeitnah zu verschließen. Viele Schwimmvereine und -abteilungen, die Mitglied im Hessischen Schwimm-Verband sind, unterstützen in vielfältiger Form den schulischen Schwimmunterricht. In unzähligen Übungsstunden vermitteln sie ehrenamtlich und nebenberuflich die schwimmerischen Kompetenzen in den Vereinsübungsstunden. Sie bereiten dabei die Mädchen und Jungen auf die schulischen Angebote vor, überprüfen die Lernziele durch Abnahme der Schwimmabzeichen, ob sie nun der Vorbereitung auf das Schwimmen (Seepferdchen) oder den Nachweis der Schwimmfähigkeit (Jugendschwimmabzeichen und TRIXI) dienen. Darüber hinaus haben viele Vereine Kooperationen mit Grund- und weiterführenden Schulen, um Lehrkräfte im Schwimmunterricht zu unterstützen oder im Rahmen des Sports im Ganztag Kinder im Wasser zu bewegen. Für den Übungsleiter B Sport im Ganztag hat der HSV ein Modul für den Bewegungsraum Wasser entwickelt, dass er einmal im Kalenderjahr zur Weiterbildung von Vereinsmitarbeiter_innen anbietet. Auch wenn selbstkritisch anzumerken ist, dass nicht alle Vereine entsprechende Angebote anbieten (können), leiden an vielen Orten auch die Mitglieder im organisierten Sport unter temporären oder dauerhaften Schwimmbadschließungen.  

Elternaufgabe
Ein letzter Gedanke zu den zahlreichen Posts auf die Berichterstattung des HR. Immer wieder wurden Eltern in die Pflicht genommen, ihren Kindern das Schwimmen zu vermitteln. Die Schreiber verkennen die Tatsache, dass auch zahlreiche Eltern nicht sicher schwimmen können. Oft liegen die eigenen Bewegungserfahrungen im Wasser um Jahre oder sogar Jahrzehnte zurück, meistens können Eltern selber nur eine der vier etablierten Schwimmtechniken ausüben. Noch seltener sind Eltern, die einen Flüchtlingsstatus aufweisen in der Lage, mit ihren Kindern ins Schwimmbad zu gehen. Fehlende Kenntnisse, Traumatisierungen und anderes mehr hindern diese Eltern daran, den Schwimmunterricht für ihre Kinder zu erteilen. Um nicht falsch verstanden zu werden, als Verbandsvertreter bin ich durchaus dafür, dass Eltern ihren Kindern ermöglichen, verschiedenste Bewegungserfahrungen zu sammeln. Aber ebenso wenig wie sie als Lehrer für Ballspiele, Turnen und andere Sportarten auftreten können, können sie ihren Kindern das sichere Schwimmen und damit die Fähigkeit sich im Ernstfall vor dem Ertrinken zu retten, vermitteln und den notwendigen Lernerfolg überprüfen. Schwimmen zu können ist eine Kulturtechnik, die im alten Griechenland gleichwertig mit dem Schreiben und Lesen genannt wurde. Niemand wir ernsthaft behaupten, dass Eltern ihren Kindern auch die letztgenannten Kulturtechniken abschließend vermitteln sollen. Denn dann können wir auch die allgemeine Schulpflicht wieder in Frage stellen.

VON: AXEL DIETRICH – HSV VIZEPRÄSIDENT BREITENSPORT UND SPORTENTWICKLUNG


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