Sie sind hier: Sport im HSV / Schwimmen / News & Berichte
Dienstag, 21.November.2017

Werbung

Werbung

Werbung



VIPs - Very Important PDFs


Partner des HSV


Schwimmbäder in Hessen

Dienstag, 25.10.2016

Schwimmen hilft ankommen - INTEGRATION Sportcoach Yousef Nait gibt Kurse für Flüchtlinge in Wetzlar

Vor 13 Jahren war Yousef Nait selbst ein Fremder in Deutschland. Aber er ist längst angekommen: Der Sozialpädagoge, der arabisch als Muttersprache hat, ist Sportcoach und bringt Flüchtlingen das Schwimmen bei. Ein Interview.
Herr Nait, viele Flüchtlinge können nicht schwimmen, immer wieder ist es zu tödlichen Badeunfällen gekommen. Was ist der Grund?
Youssef Nait: Sehr viele haben gar nicht oder nicht richtig schwimmen gelernt. Ich erkläre die Situation mal so, wie ich sie aus meinem Heimatland Marokko kenne: Dort gibt es fast nur Freibäder, die für zwei Monate im Sommer geöffnet haben. Die wenigen Bäder sind dann völlig überfüllt, manchmal mit 6000 Besuchern und mehr auf einmal. Es gibt gar keinen Platz, um zu schwimmen. Wer ins Wasser geht, tut das, um sich abzukühlen. Es gibt dabei jede Woche tödliche Badeunfälle. Schwimmkurse gibt es gar nicht. Nur reiche Leute können sich das für ihre Kinder leisten. Viele Menschen versuchen einfach, Schwimmbewegungen nachzuahmen. Wirklich schwimmen können sie aber nicht. Ich habe hier Flüchtlinge in einem Schwimmkurs gehabt, die mir alle am Anfang gesagt haben, dass sie schwimmen können. Dann sind sie ins Wasser gesprungen, konnten aber nur Paddeln. Sie waren sehr schnell sehr hilflos.  
Wie kam der Kurs zustande, mit dem Sie jetzt üben?
Nait: Über das Sportcoach-Programm in Wetzlar. Darüber haben wir Kontakt zu Flüchtlingen bekommen, die schwimmen lernen oder ihre Kenntnisse vertiefen wollten. 
Wie viele Teilnehmer machen mit?
Nait: Seit zwei Monaten gebe ich den Kurs einmal in der Woche für sechs junge Männer und einen Jungen von acht Jahren. Alle machen mit viel Spaß mit. Ein junger Mann hat in Syrien Sportwissenschaften studiert und nutzt die Stunden eher für ein richtiges Training, andere mussten wirklich das Schwimmen von Beginn an lernen. Bis jetzt läuft das sehr gut.
Sind Badekultur und Baderegeln auch ein Thema? Wie man sich im Bad verhält, wo man überhaupt schwimmen darf?
Nait: Bis jetzt ging es vor allem um das Schwimmenlernen. Meine Einschätzung: Den meisten ist sehr klar, wo man schwimmen darf und wo nicht und wie man sich richtig verhält. Natürlich gibt es Flussufer oder Seen, an denen Schwimmen eigentlich verboten ist, wo aber trotzdem Leute auf eigene Gefahr ins Wasser gehen. Das tun dort aber auch Deutsche, das hat nichts mit Flüchtlingen zu tun. Von Anfang an habe ich aber allen Kursteilnehmern klar gemacht, dass sie immer Badekleidung tragen müssen. Schwimmen in Unterhose oder T-Shirt geht gar nicht. Ich habe allen erklärt, dass es einen Unterschied zwischen Boxershorts und Badehose gibt.
In Ihrer Gruppe gibt es nur männliche Teilnehmer, Muslime. Hier treffen sie jetzt beim Schwimmen auch auf Frauen ...
Nait: Was diesen kulturellen Hintergrund in den Herkunftsländern angeht, kann ich nur aus meinen eigenen Erfahrungen aus Marokko sprechen. Dort gibt es Schwimmbäder, die für beide Geschlechter offen sind und wo Frauen und Männer auch gemeinsam baden. Diejenigen, die sehr religiös sind, gehen ja gar nicht erst schwimmen. Und sie würden auch von vornherein einen Schwimmkurs ablehnen. Was meinen Kurs in Wetzlar angeht: Ich kenne eine Frau, die als Flüchtling nach Wetzlar gekommen ist und die schon schwimmen kann, aber ziemlich aus der Übung war. Ich habe sie an den TV Wetzlar verwiesen und möchte jetzt versuchen, sie dafür zu gewinnen, mit als Betreuerin in unseren Kurs zu kommen. Sie war schon einmal mit ihrem Verlobten dabei, dem bringt sie auch das Schwimmen bei.
Es gibt die Diskussion um den Burkini und ein Burkini-Verbot, in Frankreich hat das sogar Gerichte beschäftigt. Was ist Ihre Meinung?
Nait: In meiner Sicht liegt das Problem eher auf der anderen Seite, also bei demjenigen, der sich über eine Burkini-Trägerin beschwert. Wer das tut, hat vermutlich Verständnis für einen Schwimmer, der einen Neoprenanzug und eine Badekappe trägt, nicht aber für eine Frau, die sich genau mit dem gleichen Stoff bekleidet.
Was tragen Frauen in Marokko beim Baden?
Nait: An vielen Stränden gibt es Frauen, die Badeanzüge und Bikini tragen. Verschleierte Frauen suchen sich von vornherein eine eigene Ecke zum Baden, wo sie unter sich bleiben können.
Was bekommen Sie für Rückmeldungen von den Teilnehmern Ihrer Gruppe?
Nait: Am Anfang hatte ich eine Gruppe, die nur ein einziges Mal kam. Die dachten offenbar, es geht hier nur um ein bisschen Spaß. Als sie gemerkt haben, dass man sich auch anstrengen muss, haben sie es sein lassen. Aber alle, die jetzt mitmachen, kommen jede Woche wieder. Und alle haben mir gesagt: Super, es geht von Mal zu Mal besser.  
Zur Person: Yousef Nait Ihya Yousef Nait Ihya (35) ist gebürtiger Marokkaner und lebt seit 2003 in Deutschland. Zuvor studierte er zwei Jahre lang in seinem Heimatland arabische Literatur, danach bewarb er sich um einen Pädagogik-Studienplatz in Deutschland. Er studierte in Mainz und Gießen. Er ist Sozialpädagoge und heute beim Regierungspräsidium Gießen als Betreuer für Flüchtlinge tätig.
Yousef Nait lernte erst in Deutschland richtig schwimmen, absolvierte später die Prüfung zum Rettungsschwimmer, gibt nebenberuflich Schwimmkurse und ist als Badeaufsicht in Gießener Schwimmbädern tätig.  
Sport integriert:
In Wetzlar kümmern sich viele ehrenamtliche und hauptamtliche Akteure um Sportangebote für Migranten, die einen Teil zur Integration beitragen. So gibt es zum Beispiel seit Längerem in Zusammenarbeit der DLRG und des TV Hermannstein einen Schwimmkurs für muslimische Frauen. Eine der ersten Teilnehmerinnen hat zwischenzeitlich selbst die Prüfung zur Rettungsschwimmerin absolviert.

VON: DIRK WINGENDER - WNZ VOM 17.10.2016 - REGION WZ


<- Zurück zu: News & Berichte